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borozo

In Budapest sind die Weinkneipen (borozo) eine Instution. Meist sind sie tagsüber geöffnet, so dass die Männer (Frauen findet man selten hier, höchstens als Servicepersonal) vor oder nach der Arbeit sich hier erfrischen können. Mein liebster borozo ist das Mori in der Fiath Janos utca.
Die Erfrischung besteht schon darin, dass sich das Mori zwei Geschosse unter der Erde befindet. Von der Strasse führt eine unscheinbare Türe in eine gewundenes Treppenhaus und dieses in diese Höhle der Geborgenheit und Trunksucht.

Treppe ins Mori Borozo, Budapest

Treppe ins Mori Borozo, Budapest

Die andere Erfrischung ist der weisse Wein, dem diese Institution gewidmet ist. In der Theke sind mehrere Blecheimer eingelassen, aus denen der Wein in die Gläser geschöpft wird. Ist die Zeit schon etwas vorgerückt, bieten sich dann auch die härteren Schnäpse an, aber eigentlich kommt man hierher um Wein zu trinken. Essen gibt es wenig in einem borozo, aber meistens irgendwas Eingelegtes und Schmalzbrote.

Mori Borozo Budapest

Mori Borozo Budapest

gut und günstig

Nach langem Suchen wurde ich fündig. In einer kleinen Strasse hab ich ihn gefunden, den mausgrauen Trabant. Mittlerweile sieht man ja mehr VW Tuaregs als Trabanten in Osteuropa. Von Volkswagen zu Volkswagen hat sich sozusagen die Gesellschaft entwickelt. In Rumänien sieht man aber immer noch an jeder Ecke mindestens zwei Dacias. Auch Ladas hat man früher häufig gefunden im Osten. Die waren praktisch zum Schweine transportieren. Schweine scheinen aber Trabanten zu bevorzugen, wenn man an eine Szene in Kusturicas Film “schwarze Katze, weisser Kater” denkt, in der ein riesiges Schwein einen Trabanten auffrisst.

Trabant in der Csalogany Utca, Budapest

Trabant in der Csalogany Utca, Budapest

Dacia in Sibiu, Rumänien

Dacia in Sibiu, Rumänien

Auch das Design des Ladas ist sehr gelungen. Es ist alles da, was ein Auto braucht, less is more sozusagen. Weniger geht kaum. Ein gutes und günstiges Auto. Sparsamkeit im Umgang mit den Ressourcen scheint hier die Devise gewesen zu sein und gerade das macht die Elleganz des Fahrzeuges aus. Es gibt keine massiven Stossfänger oder klobige Rücksichtsspiegel. Front und Heck bilden eine durchgehende Basis auf der die leichte Haube des Fahrerraums sitzt.  Eine feine Kante trennt beide Teile und verbindet vorne und hinten. Abschluss bilden vorne wie hinten aufgesetzte und in Chrom gefasste Leuchten.  Das Gleichgewicht zwischen vorne und hinten ist fein austarriert, aber es ist immer klar, in welche Richtung man fährt. Im Innenraum herrscht klare Aufgeräumtheit. Der beige Kunstlederbezug passt farblich bestens zum British Racing Green der Karrosserie. Im Innern kann man aufrecht sitzen und versinkt nicht irgendwo in eimem dunklen Fond. Als Fahrer und Beifahrer hat man Übersicht, man sieht und wird gesehen. Leider wurde auch das Design des Ladas oft durch aufgesetzte Heckspoiler verunstaltet. Hier bei diesem Exemplar gefällt mir aber besonders die Haifischflosse, die gibt dem Auto etwas Verwegenes, Unkontrollierbares. Die wahre Avantgarde fährt Lada.

Lada in der Toldy Ferenc utca, Budapest

Lada in der Toldy Ferenc utca, Budapest

Ruinen-Kneipen II

Als Alternative zum Szimpla Kert bietet sich das Mumus in der Dob utca 18 oder das Csendes an. Das Mumus verfügt ähnlich wie der Szimpla Kert über einen Innenhof mit Bar.

Eingang ins Mumus Café, Budapest

Eingang ins Mumus Café, BudapestMumus Café, Budapest

“Csendes” heisst “ruhig” auf deutsch, aber meist ist es alles andere als ruhig hier im Csendes. Das Café erinnert an ein altes Wiener Kaffeehaus, nur viel verkommender und schräger.  Es besteht aus einem hohen Raum. Schmale Säulen tragen die Decke und Teilen den Raum in einzelne Bereiche. Decken und Wände sind über und über behängt und vollgekritzelt mit Bildern, Graffitis, Kitsch, Kinderwägen, Puppen und Lampen.

Budapest Csendes Cafe

Budapest Csendes Cafe

Langos

Budapest Örs vezér tére

Budapest Örs vezér tére

Der Örs Vezér tére ist kein Touristentreffpunkt. Hier endet die rote U-Bahn-Linie und beginnt der Vorortszug (HÈV) nach Gödöllö. Es gibt ein Einkaufszentrum und seit einigen Jahren einen IKEA, aber da war ich noch nie. Aber es gibt auch diese Essensstände, wo man im Winter forralt bor, weissen Glühwein, trinkt. Aber da es nicht Winter war, habe ich nur eine Langos gegessen, mit Sauerrahm und ohne Knoblauch.

Hier ist übrigens die Landfrauen-Unterführung.

U-Bahn bahnfahr’n

Budapest U-Bahn Ferenc körùt

Budapest U-Bahn Ferenc körùt

Ich fahr gerne mit der U-Bahn in Budapest und auch anderswo. Es ist schnell und hell. Nur im Sommer wird es heiss und da bin ich lieber draussen. Besonders gefällt mir die Architektur. Die Station Moskwa tér ist ein architektonisches Juwel und hat eine der längsten Rolltreppen. Für Liebhaber des Rolltreppenfahrens ein Muss. Leider wurden die früheren holzernen Rolltreppen in den letzten Jahren durch eine gewöhnliche Ausführung ersetzt (Planung durch UVATERV).

Budapest U-Bahn Ferenc körùt

Budapest U-Bahn Ferenc körùt

Genau so gut gefallen mir aber die roten und gelben Schalensitze bei den Haltestellen. Zagar haben sie auch auf der CD-Hülle ihres wunderbaren Albums “local broadcast” von 2002 verewigt. Wer Yonderboi mag, wird das auch mögen.

unten durch

In Budapest geht die Stadt unter dem Strassennieveau weiter. Die Unterführungen für Fussgänger sind nicht nur sichere Unterquerung der grossen Strassen, sondern auch Treffpunkt und Marktplatz. Meist befinden sie sich an U-Bahn-Haltestellen. Die kleineren, ohne Läden, dort wo Landfrauen ihre Blumen und Stickereien verkaufen, riechen oft ziemlich stark nach Chlor oder anderem Reinigungsmittel. Die anderen, grösseren riechen nach U-Bahn, nassen Schuhen, Grillwürsten und frischem Brot. Wahrscheinlich blasen die Backwarenstäde den Geruch des frischen Brotes absichtlich in die U-Bahn-Gänge, um mehr Kunden anzulocken. Man steht so auf der langen Rolltreppe und fährt Richtung Oberfläche und der dieser Geruch steigt einem in die Nase.

Jede Unterführung hat auch ihre Szene. Neben der Landfrauenszene gibts auch die Hip-Hop-Szene, die Nutten-Szene, die Alkoholikerszene oder die Szene der Betenden. Neben dem Nyugati Bahnhof gibt es ein riesiges Einkaufszetrum (Architekt Jòzsef Finta), dessen unteres Geschoss direkt an die Unterführung anschliesst. Türsteher passen hier auf, dass die Welt der Obdachlosen, Prostituierten und Zigeuner nicht in die cleane Welt des Konsums kommt.

Mit gefallen diese Unterführungen, die Gerüche, die Menschen, die Lichter. Nur hier unterquere ich die Strassen gerne. Das Shoppingcenter gefällt mir weniger.

Budapest Unterführung Nyugati tér

Budapest Unterführung Nyugati tér

Budapest Unterführung Astoria

Budapest Unterführung Astoria

Zur Unterführung Astoria fällt mir gerade der wunderbare “Bossa Astoria” von Zagar ein.

Christo in Budapest

Budapest verpacktes Auto

Budapest verpacktes Auto

In Budapest gibt es immer mehr Fahrräder, aber leider nicht weniger Autos. Immerhin scheint dieses für eine längere Zeit aus dem Verkehr gezogen zu sein. Die Verpackung erinnert mich ein wenig an die von Christo verpackten Bäume im Garten des Beyeler Museums in Basel. Vielleicht ist dies die übliche Verpackung für Objekte im öffentlichen Raum in Osteuropa. Christo als Bulgare dürfte dies nicht unbekannt sein.

Ruinen-Kneipen in Budapest

Eingang Szimpla Kert Budapest

Eingang Szimpla Kert Budapest

Szimpla Kert Innenhof

Szimpla Kert Innenhof

Lampen Szimpla Kert

Lampen Szimpla Kert

Das Quartier zwischen Andràssy ùt und Ràkòczi ùt in Budapest befindet sich seit längerem in einem grösseren Umbruch. Ganze Strassenzüge werden saniert und „aufgewertet“, bestehende Wohnhäuser abgerissen und durch Neubauten mit Wohnungen im gehobenen Segment ersetzt. Es scheint aber Widerstand gegen diese Gentrifizierung zu geben und hinter manchen heruntergekommenen Hausfassaden blüht das kulturelle Leben, so auch an der Kazinczy u. 14. Hier befindet sich der Szimpla kert. Von aussen zeigt nur das Schild über dem Eingang, dass sich hinter der heruntergekommenen Fassade mehr versteckt als ein Wohnhaus. Durch einen schmalen Korridor erreicht man einen überdeckten, zweigeschossigen Innenhof, um den rundherum man mehrere Bars, eine Teestube, Arbeitsräume, Sitznischen und ein Bistro findet. Dahinter liegt ein grösserer, zum Himmel offener Hof, der bei kühlerem Wetter aber mit farbigen Plastikbahnen gedeckt ist. Tagsüber kann man hier in Ruhe rumhängen oder am Fussballkasten spielen. Am Abend ist das ganze Gebäude voller Leute. Meistens gibt irgendjemand ein kleines Konzert im Foyer oder es werden Filme gezeigt.
Die meisten Leute sind zwischen 20 und 40 Jahre alt, Normalos, Alternative, Szenige, Bürolisten, Ungaren und Touristen. Die Speisekarten an den grossen Wandtafeln sind zwar nur ungarisch angeschrieben, aber das Personal spricht auch Englisch.

unterwegs sein

babyblauer Dacia

In Rumänien müsste es ein Dacia sein. Jedes zweite Auto hier ist ein Dacia. Das Design der Autos hat sich kaum verändert über die Jahre. Klassische Formen sollte man behutsam renovieren. Ist es Zufall, dass sich die Automarke gleich ausspricht wie die die russische Datscha? In Sighisoara wohnt ein Mann in seinem Dacia, seinen Rollstuhl hat er vor der Beifahrertüre abgestellt.

hinkommen

Wien Westbahnhof ab 18.50, Sighisoara an 8.58. Eine lange Nacht mit schnarchenden Nachbarn und man ist mitten in Transilvanien. 8.58, die rumänische Staatsbahn scheint es genauer zu nehmen als die österreichische Bundesbahn. Am besten reist man mit den alten Erstklass-Schlafwagen, die mit ihren holzausgekleidetem Innenraum aussehen wie Schiffskajüten. Es gibt ein Waschbecken aus Porzellan mit Kalt- und Warmwasser und Handtücher, die Getränkehalter und Lichtschalter sind aus Aluminium, die Betten bequem.

Schlafwagen Sighisaora-Wien

In Budapester Ostbahnhof bleibt der Zug ein paar Minuten länger stehen. Man könnte aussteigen, sich schnell einen Glühwein und eine Langos, holen oder einfach die Budapester Luft einatmen. Bekescsaba, Lököshaza, die Weite der ungarischen Tiefebene verliert sich im Dunkel. In Sighisoara soll Vlad Dracul geboren worden sein. Hier beginnt das Land der Szekler. Ein guter Ort zum starten.